Zivilgesellschaft gegen Nationalismus
Für die dritte taz-Reise nach Bosnien und Herzegowina gibt es wieder ein neues Programm: diesmal bleiben wir vor allem im Raum Sarajevo und bereisen den Süden des Landes. Ausflüge führen uns in die schöne, aber durch den bosniakisch-kroatischen Konflikt geprägte Stadt Mostar und in die Region an der Drina, in die frühere bosniakische Enklave Gorazde, in das von Serben beherrschte Foca und nach Srebrenica, das 1995 von General Mladic erobert worden ist. Wie immer bei taz-Reisen werden wir mit politischen Akteuren, Funktionsträgern und Projekten der Zivilgesellschaft zusammen treffen, aber auch die herrliche Landschaft, gutes Essen sowie den Wein der Region genießen können.
Krieg, Zerstörung und ethnische Vertreibung formen das Bild Bosniens und Herzegowinas in den Augen der Öffentlichkeit. Noch immer, fast 15 Jahre nach dem Friedensschluss von Dayton, wirken die Schlagzeilen über den Krieg 1992-1995 nach. Dem Friedensprozess schenken die Medien im Allgemeinen wenig Beachtung.
Doch Bosnien und Herzegowina zieht in den letzten Jahren immer mehr Besucher an, allein das Filmfestival in Sarajevo im August wird von Zehntausenden von Menschen aus allen Teilen Europas besucht. Und die meisten waren über den Wiederaufbau der Stadt, über den Flair und die offene, tolerante Atmosphäre überrascht.
Magische Stadt Sarajevo
Sarajevo gehört zu den magischen Städten in Europa. Obwohl eigentlich an der Peripherie gelegen, hat die Stadt im letzten Jahrhundert zwei Mal die europäische Geschichte nachhaltig beeinflusst. 1914 als serbische Extremisten den Thronfolger des Habsburgerreiches ermordeten, was zum Anlass für den I. Weltkrieg werden sollte. Und 1992 als die über dreieinhalb Jahre von serbischen Truppen belagerte Stadt trotz großer Opfer dem Angriff standhielt. Viele haben Sarajevo damals mit dem belagerten Madrid 1936 verglichen, nur blieben die internationalen Brigaden zur Verteidigung der Stadt aus. Dafür kamen UN-Truppen, die zur Enttäuschung der Einwohner lediglich die humanitäre Hilfe in die Stadt bringen durften.
Der Krieg hat Fakten geschaffen. Das einstmals multikulturelle, multireligiöse Bosnien wurde in seiner Identität schwer erschüttert, sogenannten „ethnischen Säuberungen“ haben Gräben zwischen den Bevölkerungsgruppen der Bosniaken (Muslime), der Serben ( Orthodoxe) und der Kroaten (Katholiken) aufgeworfen, die einstmals vor dem Einmarsch der Nazis 1941 in Sarajevo dominierenden Juden sind sogar nach dem letzten Krieg auf 800 Menschen geschrumpft.
Nach wie vor werden von Nationalisten Konflikte geschürt. Doch nach wie vor gibt es das Bosnien der Toleranz und des geordneten Mit- und Nebeneinanders. Städte wie Sarajevo stehen für diese Tradition. Junge Leute wollen eine Perspektive im eigenen Land erreichen, wollen die Dinge verändern, die Mehrheit der Bevölkerung will vor allem eines: Frieden, eine wirtschaftliche Entwicklung und langfristig die Aufnahme in die Europäische Union.
Seit dem Friedensvertrag von Dayton 1995 bemüht sich die internationale Gemeinschaft, den Friedensprozess und den Wiederaufbau des Landes voran zu bringen. Mit dem Büro des Hohen Repräsentanten, den Sfor-Friedenstruppen und der Europäischen Polizei wurden dafür drei Säulen geschaffen, die nach dem Plan Brüssels bald durch eine EU-Administration abgelöst werden sollen. Dieser Prozess ging nicht ohne widersprüche ab. Wir werden auch über die Rolle Europas während und nach dem Kriege Erkenntnisse sammeln.
Kann demokratische Normalität entstehen?
Die spannende Frage, wie ein Land, das durch einen der grausamsten Kriege des letzten Jahrzehnts gegangen ist, eine demokratische Normalität entwickeln kann, wird auch auf dieser Reise nicht vollständig beantwortet werden. Aber Sie werden den Stand der Dinge konkret erfahren können. Und damit Einsichten gewinnen, die auch für andere Konfliktherde der Welt von Bedeutung sind.
Zunächst werden Sie das Sommerflair in Sarajevo genießen können. Und dabei einige interessante Persönlichkeiten der Zivilgesellschaft kennenlernen. Nach einführenden Vorträgen über die Geschichte und das Kulturleben in der Stadt werden Sie Aktivisten der nichtnationalistischen Partei "Nasa Stranka", den serbischen Bürgerrat der Stadt, Vertreter der Menschenrechtsorganisationen und Filmemacher treffen.
Eine dreitägige Busreise führt uns dann zunächst nach Konjic, wo wir im Bunker des ehemaligen Staatspräsidenten Jugoslawiens ein Kulturprojekt kennenlernen. Der Bunker wird mit durch Ausstellungen und Veranstaltungen genutzt. In der wieder aufgebauten und heute immer noch zwischen Kroaten und Bosniaken geteilten Stadt Mostar treffen wir auf Aktivisten der Zivilgesellschaft beider Seiten, besuchen die Universität und können auf der berühmten Brücke über der Neretva die Schönheit der Stadt genießen.
Vorbei an einem Feld mit berühmten Stecci, altbosnischen Gräbern, werden wir am nächsten Tag über die durch Wasserfallkaskaden geprägte Stadt Stolac in die von Serben beherrschte Stadt Foca an der Drina fahren und dort mit dem Bürgermeister sprechen, der sich öffentlich gegen den Nationalismus gestellt hat und mit großer Mehrheit vom Volk direkt gewählt wurde. Foca und die benachbarte muslimisch-bosniakische Enklave Gorazde kooperieren bei der Entwicklung der Region. Auch der Bürgermeister von Gorazde will uns empfangen.
Die dritte Station wird die bosniakische Enklave Srebrenica sein, das 1995 unter fürchterlichen Umständen von den serbischen Truppen erobert wurde. Über 8000 Menschen wurden ermordet. Wir werden auf Augenzeugen der damaligen Ereignisse treffen und Menschen besuchen, die zurückgekehrt sind, um die Stadt wieder aufzubauen.
Zurückgekehrt in Sarajevo werden wir weitere Projekte besuchen und in Diskussionen mit interessanten Persönlichkeiten, auch aus der internatioanlen Gemeinschaft, die Erlebnisse der Rundreise verarbeiten. Daneben ist noch ein je halbtägiger Ausflug zur Burg Bobovac in Zentralbosnien und ein Ausflug in die Berge rund um Sarajevo geplant.
Erich Rathfelder
Die Reise wird vom langjährigen taz-Korrespondenten vor Ort, Erich Rathfelder und der Kunsthistorikerin Amela Maldosevic, organisiert und begleitet. Seit 1991 hat Erich Rathfelder die Kriege und den Friedensprozess auf dem Balkan durchlebt und beschrieben – und kennt das Land wie kaum ein anderer.
Veranstalter: StattReisen Berlin GmbH