Balkan im Aufbruch
Die ethnische und religiöse Vielfalt des Balkans, die in den letzten Kriegen fast zerstört wurde, macht einen entscheidenden Reiz der Region aus. In den zwei pulsierenden Hauptstädten Belgrad und Sarajevo ist starke Aufbruchsstimmung spürbar. Auf der Reise werden die komplexe Geschichte und Gegenwart der Vielvölkerregion auf lebendige Weise erfahrbar gemacht – durch einheimische Zeitzeugen und Experten, die aus ihren jeweiligen Blickwinkeln berichten.
Die „weiße Stadt“ Belgrad ist heute politisches und kulturelles Zentrum Serbiens. 1878 wurde die Stadt zur Hauptstadt des ersten unabhängigen serbischen Staats, nachdem Jahrhunderte lang allein die serbisch-orthodoxe Kirche Hüterin der Nation gewesen war.. Später war Belgrad die Hauptstadt Jugoslawiens. Als dieser Staat zerfiel besannen sich viele Angehörige der verschiedenen Volksgruppen plötzlich auf das Mittelalter. Sie konnten so Gebietsansprüche vermeintlich „historisch begründen“ und meinten, damit Krieg, Vertreibungen und „ethnische Säuberungen“ rechtfertigen zu können.
Auf der Suche nach historischen Grundlagen für die brüchigen Identitäten kann man die Spur zurückverfolgen vom Kirchenschisma von 1054 und der Grenzlinie zwischen Ost- und Westkirche über Jahrhunderte osmanischer Herrschaft bis zur habsburgischen k.u.k. Monarchie. So zeugen beispielsweise Meisterwerke der Baukunst wie Moscheen und Brücken zeugen von der osmanischen Blütezeit. Mit dem übertritt zum Islam waren erheblich bessere politische und wirtschaftliche Perspektiven verbunden. Andersgläubige galten als Bürger zweiter Klasse, jedoch zeugt die Aufnahme der in Spanien verfolgten sephardischen Juden von einer relativen religiösen Toleranz. Auf k.u.k. folgte nach dem 1. Weltkrieg das „Erste Jugoslawien“, das von serbischem Hegemonialstreben dominierte Königreich. Der kommunistischen Volksrepublik Jugoslawien schließlich wird vorgeworfen, das Zusammenleben auf einer Verklärung und Tabuisierung der Vorkommnisse im Zweiten Weltkrieg aufgebaut zu haben. Juden und „Zigeuner“ waren an Ort und Stelle ermordet oder von den Nazis nach Auschwitz deportiert worden. Kroatische Ustascha, die einen formal unabhängigen faschistischen Satellitenstaat führte, königstreue serbische Tschetniks, die von bosnischen Muslimen gebildete 13. SS-„Handzar“-Division und Titos kommunistische Partisanen hatten gegeneinander gekämpft.
Die bosnische Hauptstadt Sarajevo verglichen Reisende im 16. Jahrhunderts begeistert mit Damaskus, „der schönsten Stadt im Orient“. Trotz starker Zerstörungen im letzten Krieg bestimmen heute Wiederaufbau und Dynamik das Bild, die Stimmung ist wieder geprägt von Lebenswillen und Dynamik. Viele nach 1995 entstandene interethnische Initiativen setzen sich für Versöhnung zwischen den Volksgruppen ein.